Lieblingstasse

Heute morgen ist es passiert. Niemand konnte es mir erklären. Ob sich das schon lange vorher angezeigt hat. Oder einfach so zufällig bzw. spontan vor sich ging. Ich konnte es ja eigentlich voraus sehen. 

Jahrelang hattest du mich begleitet. Ich dich gepflegt. Geputzt und gewaschen. Habe dir immer einen guten Platz gegeben. Wir haben uns lange berührt. Mit Händen und Lippen. Ja. Es war oft sehr sinnlich. Und stimmt. Geteilt hatte ich dich auch. Mit anderen. Frauen, manchmal auch Männern. Manchmal war es grenzwertig. Ob das ein Grund für dein zerbrechen war? Wenn ich dich jetzt in die Hand nehme und berühre, schneide ich mich an deinen scharfen Kanten. Früher warst du so weich und so glatt. Ich kann dich auch nicht kleben oder flicken, wie man das manchmal beim Doktor machen kann. Ich kenne keinen Tassendoktor. Und ja – ich habe noch mehrere Tassen im Schrank. Was soll ich nun meinen besten Freunden sagen? Bist du an mir zerbrochen? Oder standest du unter Anspannung und es hat dich zerrissen? Das kommen und gehen im Leben. Ja. Aus Erde bist du entstanden. Mit Feuer wurdest du gehärtet. Jetzt läufst du aus. Kannst den Tee nicht mehr halten. Und meinen Kaffee erst recht nicht mehr. Was macht Mann mit einer alten Tasse? Und mit der Zeit werden es gar weniger Tassen im Schrank. Ich bin traurig darüber. Das wird eine Zeit dauern den Verlust zu begreifen. Naja. „Begreifen“ macht jetzt mit dir auch keinen wirklichen Sinn mehr. Schön war es mit dir. Danke für die vielen gemeinsamen verbrachten Jahre. Leider habe ich kein Bild mehr, wie du zu mir gekommen bist. Es war oft sehr schön mit dir. Auch wenn es manchmal recht heiß war.