im Prozess

    Wir sind und bleiben im Prozess, etwas nie Abgeschlossenes. Wir erschaffen uns selbst und einander ständig neu nach Vorstellungen, die besagen, wie wir zu sein haben. Damit versichern wir uns gegenseitig unseres Vorhandenseins, um in dieser von Natur aus unsicheren und vergänglichen Welt Sicherheit zu finden.

Alles an unserer Individualität: Körper, Gedanken, Vorlieben, Gefühle und Absichten sind durch und durch konditioniert und programmiert. Es ist bedingt durch Vergangenes und wird zu dem noch ständig überarbeitet, verändert, verbessert und unterliegt dem Verfall.

Mönchsgeschichte

Ich Armer, die Glücklichen

„In Thailand erschien mir das Leben als Junior-Mönch unfair zu sein. Die Senior-Mönche erhielten das beste Essen, saßen auf weichen Kissen und mussten keine Schubkarren schieben. Meine einzige Tagesmahlzeit war hingegen Ekel erregend; ich musste stundenlang auf dem harten Betonboden sitzen (der überdies auch noch Dellen aufwies, weil die Dorfbewohner hoffnungslose Betongießer waren), und manchmal musste ich körperlich sehr schwer arbeiten. Ich Armer, die Glücklichen!

Ich verbrachte lange unerfreuliche Stunden, um meine Beschwerden mir selbst gegenüber zu rechtfertigen. Die Senior-Mönche waren wahrscheinlich bereits so erleuchtet, dass es eine Verschwendung war, ihnen delikate Speisen vorzusetzen. Deshalb verdiente ich das beste Essen. Die Senior-Mönche hatten schon seit Jahren mit gekreuzten Beinen auf harten Böden gesessen und waren daran gewöhnt, deshalb standen mir die weichen Kissen zu. Außerdem waren alle Senior-Mönche sowieso fett, weil sie das beste Essen erhielten, und hatten somit von Natur aus gepolsterte Hinterteile. Die Senior-Mönche teilten uns Junior-Mönchen die schwere Arbeit zu, ohne sich selbst jemals körperlich zu betätigen. Woher sollten sie dann wissen, wie heiß und ermüdend Schubkarrentouren sein konnten? Da sie sich sämtlich Projekte ausdachten, sollten sie auch die Arbeit tun! Ich Armer, die Glücklichen.

Als ich selbst Senior-Mönch wurde, aß ich das beste Essen, saß auf weichen Kissen und betätigte mich kaum körperlich. Und ertappte mich dabei, wie ich die Junior-Mönche beneidete. Sie mussten nicht dauernd in der Öffentlichkeit reden, sich stundenlang die Sorgen von anderen Leuten anhören und sich mit Problemen der Verwaltung herumschlagen. Da sie keine Verantwortung zu tragen hatten, blieb ihnen viel Zeit für sich selbst. Ich hörte mich sagen: „Ich Armer, die Glücklichen.“
Ich begriff, was dahinter steckte. Junior-Mönche leiden unter den „Qualen der Junior-Mönche“, Senior-Mönche unter den „Qualen der Senior-Mönche“. Als ich Senior-Mönch wurde, tauschte ich nur eine Form des Leidens gegen eine andere aus.
Genauso geht es Ledigen, die Verheiratete beneiden, und Verheirateten, die Ledige beneiden. Wie wir inzwischen wissen sollten, tauschten wir durch die Ehe nur die „Leiden des Ledigen“ gegen die „Leiden des Verheirateten“ ein. Ich Armer, die Glücklichen.

Wenn wir arm sind, beneiden wir die Reichen. Allerdings beneiden viele Reiche die Armen um ihre echten Freundschaften und die Freiheit von Verantwortung. Wer also reich wird, tauscht nur die „Leiden des Armen“ gegen die „Leiden des Reichen“ ein. Wer sich zur Ruhe setzt und sich dadurch finanziell verschlechtert, tauscht die „Leiden des Reichen“ gegen die „Leiden des Armen“ ein. Und so weiter und so fort. Ich Armer, die Glücklichen.

Es ist eine Täuschung zu glauben, glücklich werden zu können, indem man etwas anderes wird. Dadurch tauscht man nur eine Form des Leidens gegen eine andere ein. Aber wenn man mit dem zufrieden ist, was man gerade ist, Senior oder Junior, verheiratet oder ledig, reich oder arm, dann hört das Leiden auf.

Ich Glücklicher, die Armen.“

Ajahn Brahm, Die Kuh die weinte, S. 210f.

Schuster Konrad

Schuster Konrad erwartet den lieben Gott
(Legende aus Russland)

Gleich mit der Sonne steht er auf,
macht Feuer, räumt die Werkstatt auf,
kocht Tee und deckt den Tisch für zwei;
ein hoher Gast kommt heut vorbei.
Gott selbst hat sich, noch eh‘s getagt,
bei Schuster Konrad angesagt
in einem Traum so echt und wahr,
wie nie zuvor ein Traum je war.
Derweil ihm fast sein Herz zerspringt,
lauscht Konrad, ob die Schelle klingt.

Tatsächlich pocht es an die Tür.
Der Postmann ist’s, der fast erfriert.
Bei einem Tee ruht er sich aus,
dann stapft er in den Frost hinaus
mit frischer Kraft und sagt beim Gehn:
Ja, das tat gut. Ich dank dir schön.

Es geht schon gegen Mittag fast
und Konrad hofft auf seinen Gast,
jedoch von Gott ist nichts zu sehn.
Da sieht er einen Jungen stehn,
der im Gedränge dieser Stadt
seine Mama verloren hat.
Schnell schreibt er auf ein Zettelstück:
Gott, warte hier. Bin gleich zurück.

Wie er den Jungen heimgebracht,
ist es schon beinah gegen acht.
Und ja, es schellt! Schellt noch und noch!
Gott hält sein Wort und kommt nun doch.

Falsch! Es ist nur die Nachbarin.
Vor Not weiß sie nicht her noch hin.
Ihr Sohn ist krank, das Fieber steigt.
Die arme Frau tut Konrad leid.Er geht mit ihr und hüllt das Kind,
damit das Fieber endlich sinkt,
in kühle, nasse Tücher ein;
dann wacht er bis zum Morgenschein.
Verstrichen ist die letzte Frist,
als er zurück im Zimmer ist.
Vorbei! Gott hat sich nicht gezeigt.
Der Schuster Konrad liegt und schweigt.

Da hört er, halb im Traume schon,
in überirdisch sanftem Ton:
Hab Dank! Du hast mir aufgemacht,
als mich der Frost fast umgebracht.
Du führtest mich zur Mutter heim.
Du hülltest mich in Tücher ein.
Ich war den ganzen Tag dein Gast.
Dank, dass du mich empfangen hast.

Den Text habe ich auf der Autorenplattform keinverlag.de gefunden. Die Interpretation des Textes stammt von Cathleen und wurde freundlicherweise von ihr für den Blog erlaubt. Der Ursprungstext findet sich hier.

 

Weltgeheimnis

Weder Anfang hat die Welt noch Ende,

Nicht im Raum noch in der Zeit,

Überall ist Mittelpunkt und Wende;

Und im Nu die Ewigkeit.

Wie du lebst von einem Nu zu andern,

Ewig eines lebest du;

Lass die Welt vorüber ruhlos wandern,

Und sieh aus der Ruh ihr zu.

Nicht mit unzulänglichen Gedanken

Machst du das Geheimnis klar,

Doch in schwanken Schranken,

Wortes Ranken,

Stellt es dir sich bildlich dar.

(Friedrich Rückert, Dichter aus Schweinfurt, 1788 -1866 Wikipedia)

Kirschblütengespräch

  Ich habe heute morgen das das Raunen im Kirschbaum gehört. Fünf oder zehn oder so ähnliche Zahl Blüten waren schon geöffnet.

Das waren die Voreiligen, die Ungeduldigen, die, die nicht mehr warten wollten, die es noch nicht wussten, die Willigen oder andere Beweggründe hatten. Die Blüten unterhielten sich, wann es endlich soweit wäre.

Ob heute schon der Tag wäre, an dem sie aufgehen sollten, wollten, dürften oder gar müssten? Das Geraune und die Meinungen.

Ja ja ja „heute“ riefen die Ungeduldigen. Nein Nein Nein Nein Nein Nein, nächste Woche, da sind die Schulferien um.

Die schon mal da waren, sagten lasst uns noch ein bisschen warten, es ist dann eh wieder so schnell vorbei. Wir halten uns noch ein bisschen zurück, sagte eine Knospe, die besonders schön werden wollte. Halten uns ein bisschen zurück, weil es gerade dort bei denen die unterwegs sind, immer so schnell ist. So schnell vergeht. Augenblicke huschig geworden sind.

Heute ist es eh grau, kommt sowieso kein Mensch wobei, um uns anzuschauen. Hahaha, sagte die eine, weißt du wo wir stehen? An dem Platz? Wann war der letzte Mensch bei dir, und hat dich betrachtet?

 

Frieden

    du glaubst vielleicht Frieden ist so ein einfacher Zustand. sozusagen einfach so. einfach da. ich glaube, du irrst. zack ins Bett. eine Runde schlafen. und morgens dann beim aufwachen ist Frieden. einfach so. so ein Unsinn und unglaubwürdig. es ist ein immer währendes ausbalancieren. zwischen ja und nein. und manchmal gar vielleicht. und das ist Fakt jeden Tag. die Pause zwischen ein- und ausatmen könnte Frieden sein. oder wegen aus- und einatmen. wer auch immer zuerst da war. die Reibung ist so eine Sache, die dich immer begleiten wird. das gilt es zu verstehen. und dann ist Frieden. meist helfen andere dir dabei. aber wenn sie dich mal nicht an die Hand nehmen, meinst du Radau machen zu müssen. Frieden ist Übung. täglich. fang endlich an damit. einatmen. ausatmen. die Pause und den Moment dazwischen nehmen. und du merkst: ah – so einfach ist das mit dem Frieden.

Reibungswiderstand

Ich nehme schneller Fahrt auf, je weniger Reibungswiderstand ich biete (eine ziemlich bekannte physikalische Weisheit).  In der Übersetzung sagt mir das: Ohne Konflikte komme ich besser bzw. schneller an mein mögliches Ziel und diese Reise verläuft wesentlich angenehmer.